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Danzig


Pandemien und Seuchen waren Teil der längeren preußisch-russischen mennonitischen Geschichte. Was können wir von unseren mennonitischen Vorfahren und ihren Reaktionen lernen?

  1. Danzig: Pest und Pestilenz

Russische und preußische Mennoniten verfolgen mindestens 200 Jahre ihrer Geschichte durch Danzig und Region. Sie erlebten auch ihren Anteil an Epidemien. Laut der Encyclopedia of Plague and Pestilence, tötete die Pest von 1602 in Danzig 19.000 Menschen.[1] Im Jahre 1653 verzeichnete die Stadt „wöchentlich“ rund 600 Todesfälle durch Pest, wobei im Laufe des Jahres 11.116 Menschen starben. Vier Jahre später, während des schwedischen Krieges, starben weitere 7.569 Danziger an der Pest, verglichen mit 2.569 Geburten. Und wieder starben in 1660 rund 5.515 Menschen an der Pest, verglichen mit 1.916 Geburten in der Stadt.[2]

Wir wissen nicht, wie sich diese Serie von Seuchen über sieben Jahre auf die mennonitische Gemeinschaft ausgewirkt hat. Doch nachdem eine Naturkatastrophe im Jahre 1667 Dämme brach und das Land überflutet wurde, argumentierte ein mächtiger Regierungsbeamter von Pomerellen (in der Nähe von Danzig), daß Gott jetzt Polen und Danzig für ihre Toleranz gegenüber Mennoniten bestrafe. Der Beamte fand breite Unterstützung unter den Adligen im Landtag für seinen Plan–einer gänzlichen Austreibung aller Mennoniten durchzuführen–was glücklicherweise nicht zustande kam.[3] Die Erinnerung an die Märtyrer des 16. Jahrhunderts war die Linse für ihr Leiden; im Jahre 1659 wurde der Märtyrerspiegel veröffentlicht.

Danzigs schlimmste Pest ereignete sich jedoch im Jahr 1709.[4] Die Stadt hatte etwa 50.000 Einwohner und verzeichnete im September und Oktober durchschnittlich 2.000 Todesfälle durch Pest pro Woche. Der Stadtrat war gezwungen, zwei Pest-Prediger einzustellen, die die Kranken besuchen und Beerdigungen für die Armen durchführen sollten. Todesfälle durch Pest in Danzig in diesem Jahr: 24.533 Personen oder etwa die Hälfte der Stadtbevölkerung.

Die wenigen, die sich erholten und aus dem Krankenhaus entlassen wurden, durften nicht nach Hause gehen, sondern mussten „Zeit in Quarantäne in leeren Häusern in der Vorstadt Petershagen verbringen“[5] –dem Standort der flämischen mennonitischen Gemeinde in Danzig und neben dem überwiegend mennonitischen Vorort von Alt-Schottland.

Nach Angaben der flämisch-mennonitischen Gemeinde in Danzig gab es in 1707 in der Gemeinde nur 15 Todesfälle, in 1708 auch nur 17 Todesfälle, aber in 1709 erstaunlicherweise 409 Todesfälle; dann in 1710 wieder nur 9 Todesfälle.[6] Die Gemeinde verzeichnete allein am 18., 19. und 20. September dreizehn Todesfälle – mehr als in einem typischen Jahr.

Zehn Tage zuvor (9. September) war Ältester Christof Engmann zusammen mit fünf anderen Gemeindemitgliedern gestorben.[7] Der Besuch der Kranken war Teil seiner Aufgaben. In einer Gemeinde von etwa 1000 Erwachsenen und Kindern starben in diesem Jahr 160 getaufte Mitglieder und 249 ungetaufte Anhänger.[8] Auf der letzten Seite des ein Jahrhundert später fertiggestellten Sterberegisters der Gemeinde schrieb der Älteste: “Es gab noch nie so viele Todesfälle wie während der Pest von 1709.“[9]

Wie war die konservative mennonitische Gemeinde auf solche Katastrophen vorbereitet? Und wie haben solche Ereignisse die Spiritualität der Tradition geprägt?

 

Die Pest von 1709 führte zu einer neuen „schönen Sitte“ in der Danziger Mennonitengemeinde, nämlich, Vermächtnisse für die Armen der Gemeinde zu hinterlassen, und sich für deren „Begräbnisse zu besorgen.“ Dies war eine natürliche Erweiterung ihres längeren Engagements für gegenseitige Fürsorge und Hilfe. Dies wurde tatsächlich zur Tradition nach Angaben eines Ältesten zwei Jahrhunderte später.[10]

Sowohl die friesischen als auch die flämischen Mennoniten hatten Bethäuser unmittelbar vor den Toren der Stadt (Neugartener Tor bzw. Petershagener Tor) und jede Gemeinde hatte auch ihr eigenes Armenhaus / Hospiz unter der Leitung von Diakonen.[11]

In einem medizinischen Bericht des nächsten Jahres wurde mit Zuversicht festgestellt, daß die Pest über Thorn kam, ein Gebiet weiter südlich, in dem seit 1586 auch Mennoniten gelebt haben. Dieser Bericht von 1710 endete mit einem Rezept für Apotheken sowie einer Liste dessen, was man tun und nicht tun sollte.[12]

Der Danziger Arzt warnte davor, Gimmick-Heilmittel von Driftern oder Marktschreiern zu kaufen. Er beobachtete auch, daß diejenigen, die viele Menschen besuchten, und diejenigen, die Alkoholiker waren, als erste starben. Besonders schädlich war der Verzehr von „Brandwein“ (Schnaps), was zu der Zeit auch Mennoniten brauten. „Aller Gestank und Unreinigkeit seien höchst schädlich,” aber der gute Arzt fügt hinzu, daß es eine “große Medizin” sei, gelassen zu sein und Gott zu vertrauen, was auch „allen zu recommendieren“ sei.[13]

Todeszahl in der Flämischen Gemeinde in Danzig
Danzig mit Petershagen
  1. Chortitza-Immunisierung 1809.

Im Jahre 1801 war die Zahl der Todesfälle im Dorf Chortitza doppelt so hoch wie die Zahl der Geburten–aufgrund einer Fieberepidemie. Im Jahre 1802 verbesserte sich die Lage mit zwei Geburten für jeden Tod in der gesamten Kolonie.[14]

Wenige Jahre später (1809) wurden die meisten Kinder der Chortitza Kolonie — 393 Kinder aus 205 Familien, die meisten unter sechs Jahre alt–gegen Pocken geimpft.[15] Es gibt keine Aufzeichnungen über Mennoniten, die sich diesen Schritt geweigert haben.

  1. Johann Cornies und die Cholera-Pandemie, 1830

Asiatische Cholera brach 1829 und -30 in ganz Rußland und 1831 weiter in Europa aus. Sie begann mit einem infizierten Bataillon in Orenburg und im frühen Herbst 1830 hatte die Krankheit Moskau und die Hauptstadt erreicht.[16] Rußland verhängte drastische Quarantänemaßnahmen und ähnlich wie heute wurden infizierte Regionen abgeschnitten und der Binnenhandel eingeschränkt.

„Regierungsbüros, Schulen, Unternehmen, Theater und andere öffentliche Orte wurden geschlossen und unter Quarantäne gestellt. Gerüchte verbreiteten sich, diesmal beschuldigten sie Behörden und Gesundheitsdienstleister, die Krankheit absichtlich verbreitet zu haben. Als Ärzte flüssige Antiseptika wie Chlorkalklösung oder Essig zur Reinigung von Händen und Gesichtern empfahlen, nannten Verschwörer sie Gifte. Ärzte und diejenigen, die ihren Empfehlungen folgten, wurden brutal angegriffen.“[17]

Die Krankheit erreichte im Herbst 1830 den mennonitischen Molotschna-Bezirk, und bis Mitte Dezember wurden in den an die mennonitische Kolonie angrenzenden Dörfern Hunderte von einheimischen Nogai-Todesfällen verzeichnet.

Als der mennonitische Führer der Molotschna, Johann Cornies, zum ersten Mal auf die Todesfälle im Zusammenhang mit Cholera aufmerksam wurde, empfahl er dem mennonitischen Bezirksamt am 6. Dezember 1830 den gesamten Verkehr und alle zufälligen Kontakte mit den Nogai einzustellen.[18]

Cornies lobte die entscheidenden Maßnahmen des Staates zur Isolierung des Virus und zur Durchsetzung von Quarantänen. Wo es eine gute, weise und starke Regierungsführung gibt, sah Cornies die schützende Hand Gottes am Werk.

Johann Cornies

Alle Straßen sind blockiert und niemand darf ohne Quarantäne durch. Es ist unmöglich, Gott genug für seine väterliche Vormundschaft für unsere Verwaltung zu danken, die uns durch ihre klugen Maßnahmen schützt.“[19]

Wenn wir diese Vorschriften genau befolgen, müssen wir nur noch ehrlich beten und uns den Willen Gottes zu unterwerfen.”[20]

Am 30. Dezember 1830 schrieb Cornies an seinen Freund Johann Wiebe in Tiege, Westpreußen, über die Situation. Er beschrieb die aggressiven „Vorsichtsmaßnahmen“, die sie ergriffen hatten, bot aber auch einen biblischen Rahmen an:

Unsere Dörfer existieren wie eine Insel in einem Ozean der Cholera, und überall ist das Böse.“

..In jedem [mennonitischen] Dorf besuchen täglich zwei Männer jedes Haus, um die Gesundheit der Familie zu überprüfen. Um Kranke von Gesunden zu trennen, wurde ein Haus für die Nutzung als Krankenhaus geleert.“

Neben jeder Dorfamtsstelle steht eine große Badewanne usw. Wir wissen nicht, was die Zukunft bringt. Nur der Ewige Gott kann es sehen. Wir müssen auf seiner Gnade aufbauen und ihn bitten, diese Seuche von unserem Reich und unseren Dörfern abzuwenden.“

Cornies’ Korrespondenz wies wiederholt darauf hin, daß der Zar und seine Regierung von Gott bestimmt, von Gott geleitet und auch absolut zuverlässig waren.

Mit vollem Vertrauen in die Weisheit unserer Regierung warten wir ohne Angst auf die Verordnungen des Allmächtigen.“

„Möge jeder Christ, jeder denkende Mensch die persönliche Überzeugung hegen, daß alles, was von Gott kommt, unserem Wohl dienen wird. Möge diese höchste Weisheit den unsterblichen Geist des Menschen, der nach seinem Bild geschaffen wurde, göttlich erleuchten und Licht in die Dunkelheit unseres irdischen Pfades werfen.“

„Wir streben nicht gegen Gottes Willen, indem wir unseren Verstand einsetzen, um Vorsichtsmaßnahmen gegen Krankheiten zu treffen und störende Naturkräfte zu bekämpfen. Wir setzen unsere Talente aus der Höhe ein, unterwerfen sie seinen weisen Ratschlägen und preisen damit seinen heiligen Namen. Wie Sie wissen, halten einige Leute hier Vorsichtsmaßnahmen für sündig. Andere schwelgen weiterhin in Frivolität, selbst in dieser depressiven, entmutigenden Zeit.“[21]

Der Zar beruhigt Demonstranten

Innerhalb weniger Monate brach die Pandemie auch in Danzig aus, trotz einer 20-tägigen Quarantäne gegen Personen und Waren aus Rußland. Am 16. Juni 1831 begann Preußen, Schiffe aus Danzig „wie aus Rußland“ zu behandeln.[22]

Insgesamt forderte die Pandemie in Rußland rund 250.000 Todesopfer, wobei die Sterblichkeitsrate bei den Infizierten 50% betrug.[23]

Den mennonitischen und deutschen Kolonien in Süd-Rußland blieben ein Cholera-Ausbruch erspart. Am 18. September 1831 schrieb Cornies:

Bis jetzt wurde unsere Gemeinde verschont, obwohl wir uns seit Mai belagert fühlen… Ich betrachte keinen Arzt als Gott und keine Medizin als Retter, aber ich glaube fest daran, wenn Gott seinen Segen unserem täglichen Brot oder unsrer Medikamenten nicht gibt, werden sie uns weder nähren noch heilen.“[24]

Was war für Johann Cornies wichtig? Informiertes und entschlossenes Handeln; Vertrauen, daß der souveräne Gott durch irdische Machthaber wirkt; und Gebet. Gerade so kann Cornies mit Zuversicht sich den Willen Gottes unterstellen.

Schluss

Die globalen Dimensionen der Pandemie, die große Anzahl von Todesfällen, die staatlich erzwungenen Quarantänen, die lähmenden wirtschaftlichen Folgen, der starke Widerstand der Massen und die existenzielle Angst vor dem Tod — all diese Aspekte haben eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit unserer Zeit.

Vielleicht gibt es im Jahre 2020 einen Schatz, der im Glauben und Handeln unserer konservativen Vorfahren in Preußen und Russland vor so vielen Generationen noch zu endecken ist.

[1] Encyclopedia of Plague and Pestilence: From Ancient Times to the Present, 3. Aufl., Hrsgb. George C. Kohn (New York: Infobase, 2007) S. 87f. https://books.google.ca/books?id=tzRwRmb09rgC&lpg=PA88&vq=DANZIG&dq=danzig%20epidemic%201653&pg=PA87#v=onepage&q&f=false.

[2] Reinhold Curicken, Stadt Dantzig: Historische Beschreibung (Amsterdam/ Dantzigk: Janssons, 1687) Buch. 3, Kap. 31. https://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10805961_00011.html.

[3] Anna Brons, Ursprung, Entwickelung und Schicksale der Taufgesinnten oder Mennoniten in kurzen Zügen (Norden, 1884) S. 258f. https://books.google.ca/books?id=BzU_AAAAYAAJ&pg=PR1#v=onepage&q&f=false.

[4] Siehe wöchentliche Peststerben in Johannes Kanold, Hrsgb., Einiger Medicorum Send-Schreiben, von der An. 1708 in Preussen, und An. 1709 in Dantzig … graßireten Pestilentz (Breßlau: Fellgiebel, 1711) S. 48f. https://archive.org/details/b30545687/page/48/mode/2up.

[5] Karl-Erik Frandsen, The Last Plague in the Baltic Region 1709-1713 (Copenhagen: Museum Tusculanum, 2010) 27.

[6] “Records of Prussian Mennonite Churches in the Vistula Delta: Births, Baptisms, Marriages and Deaths in the Danzig Church 1665-1943. Family Books 1 and 2 of the Danzig Mennonite Church.” Umschrieben und digitalisiert von Ernest H. Baergen. http://www.mennonitegenealogy.com/prussia/Danzig_Records.htm.

[7] “Records of Prussian Mennonite Churches in the Vistula Delta,” S. 100f.

[8] Hermann G. Mannhardt, Die Danziger Mennonitengemeinde. Ihre Entstehung und ihre Geschichte von 1569–1919 (Danzig, 1919) 82. https://archive.org/details/diedanzigermenno00mannuoft.

[9] “Records of Prussian Mennonite Churches in the Vistula Delta,” S. 130.

[10] Mannhardt, Die Danziger Mennonitengemeinde, S. 87.

[11] Mannhardt, Danziger Mennonitengemeinde, S. 104-106.

[12] Manasse Stöckel, Anmerckungen, welche bey der Pest, die anno 1709 in Dantzig graßirte, beobachtet wurden (Hamburg, 1710). https://reader.digitale-sammlungen.de//resolve/display/bsb10815757.html.

[13] Stöckel, Anmerckungen (letzte Seite).

[14] Dmytro Myeshkov, Die Schawarzmeerdeutschen und ihre Welten: 1781–1871 (Essen: Klartext, 2008) S. 133f.

[15] Tim Janzen, “Smallpox Vaccinations in Chortitza Colony, 12 August 1809.” Odessa Archives, Fund 6, Inventory 1, File 195. http://www.mennonitegenealogy.com/russia/1809.htm.

[16] John P. Davis, Russia in the Time of Cholera, Disease under Romanovs and Soviets (New York: I. B. Tauris, 2018) S. 40.

[17] Svetlana Zernes, “Russian Epidemics and Riots,” Russian Life (April 23, 2020), https://russianlife.com/stories/online/russian-epidemics-and-riots/; siehe auch Davis, Russia in the Time of Cholera, 41f.

[18] Nr. 198, “Johann Cornies to Molotschna Mennonite District Office, December 6, 1830,” in Transformation on the Southern Ukrainian Steppe: Letters and Papers of Johann Cornies, Bd. 1: 1812–1835, Hrsgb. Harvey L. Dyck, Ingrid I. Epp und John R. Staples (Toronto: University of Toronto Press, 2015) S. 198.

[19] Nr. 200, “Cornies to Traugott Blueher, December 10, 1830,” in Transformation I, S. 200.

[20] Nr. 201, “Cornies to Andrei M. Fadeev, December 22, 1830,” Transformation I, S. 202.

[21] Nr. 202, “Cornies to Johann Wiebe, Tiege, West Prussia, December 30, 1830,” in Transformation I, S. 205.

[22] History of the epidemic spasmodic cholera of Russia (London: Murray, 1831) S. 245f. https://archive.org/details/b22478371/page/246/mode/2up.

[23] Davis, Russia in the Time of Cholera, S. 42.

[24] Nr. 239, “Cornies to Jacob van der Smissen, September 18, 1831,” in Transformation I, S. 244.

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